SONNABEND /SONNTAG, 31. AUGUST/1. SEPTEMBER 1996

 

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DRESDNER NEUSTE NACHRICHTEN

 

Friedemann Buschbeck verließ 1989 die DDR. Heute lebt und arbeitet er in Tampa an der Westküste Floridas

 

Ein Dresdner Orgelbauer im amerikanischen Süden

 

Geträumt haben viele davon, einfach wegzugehen, am liebsten nach Amerika , etwas ganz Neues auszuprobieren, den engen heimischen Lebenskreis zu verlassen.

Aber als es die Möglichkeiten dazu gab, haben es wenige getan. Friedemann Buschbeck ist einer von ihnen. 1989 ging er zuerst nach Paris, arbeitete dort als

Küster, lebte zwischen Pigalle und Montmartre und lernte seine künftige Frau kennen - eine Amerikanerin. Seit drei Jahren hat der Orgelbauer und Restaurator aus Dresden in den USA eine eigene Firma „Buschbeck Organbuilding".

 

Das schöne weiße Farmhaus, in dem Scarlett O'Hara gewohnt haben könnte und das in einem verlassenen Südstaaten-Dorf entdeckt und vorsichtig abgetragen wurde, steht jetzt in Round Top in Texas, einem Dorf, das etwas Besonderes ist nicht nur, weil wir einen Dresdner Orgelbauer dort bei der Arbeit entdeckten. Gegründet wurde das Dorf Anfang des 19. Jahrhunderts von deutschen und tschechischen Emigranten, die ihren evangelisch-lutherischen Glauben unverändert bis heute beibehielten, mitten im tiefen amerikanischen Süden. Auch wenn mittlerweile hier vorwiegend englisch gesprochen wird  man versteht immer noch Deutsch, die Central Road heißt im­mer noch Hauptstraße, und im Shop wird man besonders freundlich bedient, wenn man auf deutsch seine Wünsche äußert.

In diesem besonderen Dorf entstand ein umfangreiches privates Festival Institut, das weltweit Musikstudenten fördert und Stipendien vergibt für Sommerseminare, mit einer großen Konzerthalle und mehreren anderen Gebäuden, gestiftet von zwei wohlhabenden amerikanischen Musikfreunden, die ohne eigenes ökonomisches Interesse zur Entwicklung der klassischen Musik beitragen wollen. Das schöne hölzerne Farmhaus ist originelles Restaurant und gleichzeitig Kantine für die Angestellten.

 

Jede Arbeit eines Orgelbauers ist neu

 

Die kleine Holzkirche, die ebenfalls von einem anderen Ort abgekauft und hier aufgebaut wurde, ist die nächste Arbeitsstätte des Dresdner Orgelbauers und Restaurators Friedemann Buschbeck. Die Orgel, die er dort aufbauen wird, stammt aus dem Jahre 1830, aus der Hand des berühmten New Yorker Orgelbauers Henry Erben. Sie stand früher in einer Kirche in Massachusetts, Friedemann Buschbeck hat sie in seiner Werkstatt in Florida restauriert. Anfang September wird er sie in Einzelteilen per Laster nach Round Top transportieren, auf­bauen und wieder zum Klingen bringen. Jede Arbeit eines Orgelbauers ist anders und neu, jede Orgel ein Individum, manchmal mit einer mehr als 200jährigen Geschichte. Jede Restaurierung, auch jede Stimmung, ist abhängig von ganz unterschiedlichen Faktoren, dazu noch von den Wünschen des jeweiligen Organisten. Vielen Projekten gehen jahrelange Vorbereitungen voraus, und um manche kostbare alte Orgel, die ungenutzt oder defekt irgendwo ihr Dasein fristet, kreisen die Träume eines Restaurators lange Zeit.

 

Auf „Stimmtour" durch den amerikanischen Süden

 

Auch Friedemann Buschbeck hat solche Träume: In eine weitere, bereits im Bau befindliche, große Konzerthalle in Round Top will er einmal das als einziges erhaltene, dreimanualige Instrument der deutsch-österreichischen Emigrantenfamilie Mohr einbauen (Joseph Mohr war der Dichter von „Stille Nacht", seine Söhne, Orgel- und Pfeifenbauer, wanderten nach Amerika aus.). Das kostbare Instrument steht jetzt, bereits in Kisten verpackt, in Buffalo. „Ich sehe einen tiefen Sinn darin, daß gerade diese Orgel, erdacht von deutschsprachigen Einwanderern, viele Generationen später wieder für deutsche Zuhörer in Amerika erklingen wird."

 

Der „Organbuilder" aus Dresden ist seit drei Jahren sein eigener Chef und auch eigener Organisator seiner „Pipe Organ Service and Restoration" Firma, die ihn, seit er amerikanischen Boden betrat, kreuz und quer durch die USA geführt hat. Sein erstes Heim stand in Saratoga Springs (Bundesstaat New York), gearbeitet hat er inzwischen an Orgeln in Virginia, Georgia, Alabama, NorthCarolina und Florida.

Seit kurzem wohnt er mit seiner jungen Frau in Tampa an der Westküste Floridas und betreut, zwischen Restaurierungs-Projekten wie dem in Round Top, Orgeln in den Südstaaten, zu denen er im Herbst und im Frühjahr, „auf Stimmtour" geht, wobei eine Tour einen Monat dauert und 4500 km lang ist. „Ein guter Orgelbauer hat in den USA sein Fortkommen", sagt er, „besonders in den Südstaaten, in Georgia, Alabama, Texas, South Carolina, wo die Religion eine besonders große Rolle spielt, werden ständig neue Kirchen gebaut, oft Riesenkirchen mit Riesenorgeln, meist mit elektrischer Traktur. Auch sie müssen gestimmt werden. Es ist ungeheuer interessant, mit den Orgeln auch die unterschiedlichen Religionen kennenzulernen, Baptisten im Süden, streng getrennt in Black und White Church, Methodisten, Presbyterianer mit ihrem intensiven kirchenmusikalischen Leben.

 

Die Orgellandschaft in den USA ist hochinteressant, vielfältiger und experimentierfreudiger. Der deutsche Einfluß ist unverkennbar. Unter den deutschen Einwanderern im 19. Jahrhundert waren zahlreiche Orgelbauer (allein in Baltimore, Bundesstaat Maryland, gab es 15 Firmen deutscher Herkunft). Die Grundlage des heutigen Orgelbaus ist die Barockorgel, aber man ist drüben nicht so gebunden an Tradition wie z.B. hier in Sachsen, wo man auf die Silbermann-Linie festgelegt ist, oft auch festgefahren. Die Amerikaner übernahmen und kopierten das alles (die Silbermannorgel Großhartmannsdorf steht bereits mehrfach drüben), aber dazu probierten sie dies und jenes Neue aus und machen eine ganz gute Synthese daraus, sie experimentieren mehr. Natürlich gibt es qualitativ große Unterschiede, z.B. zwischen hervorragenden Firmen in Neu England und an der Westküste, die die sogenannten Tracker-Orgeln bauen (davon gibt es ca. 20) und den riesigen Orgelbau-Unternehmen, die Pfeifenorgeln mit elektrischer Traktur herstellen, so wie sie im 19.Jh. als Attraktion in einem neu eröffneten Kaufhaus stehen, wie bei Wonnemaker in Philadelphia. Man kombiniert nach Bedarf, der Organist kann heute sein Spiel auf Diskette aufnehmen und wieder abspielen, für die Chorarbeit verwenden usw. Oft ist an einem der drei oder vier Manuale ein Synthesizer angeschlossen. Man beginnt übrigens auch außerhalb der USA mehr zu kombinieren, z.B. hat die historische Cavaillé-Coll Orgel in Notre Dame in Paris jetzt auch ein elektronisches Spielsytem bekommen.

 

Die Orgelbauer sind gut organisiert in den USA, es gibt mehrere Vereinigungen, z.B. die Organ Historian Society zum Schutz alter Orgeln, mit einem sehr aktiven, reichen Vereinsleben und ganz moderner Ausrichtung. Oder auch die American Gild of Organists, die eben ihren Jahreskongreß in New York hatte, zu dem auch eine Reihe von Konzerten gehörte. Es war überwiegend zeitgenössische Orgelmusik zu hören. Fast jeder Organist drüben komponiert selbst.

 

„Es wäre auch für eine Stadt wie Dresden eine Bereicherung, wenn eine amerikanische Firma hier einmal eine neue Orgel bauen könnte, ich wünschte auch, daß andererseits die Fa. Jehmüch eine Orgel in den Staaten bauen oder Wegscheider eine restaurieren würde. Ich bin sehr stolz, daß Jehmlich die große Orgel für Tokio Sumida bauen wird, ein begehrter Auftrag mit weltweiter Ausschreibung, an der sich auch die großen amerikanischen Firmen beteiligten.

 

Weshalb arbeitet ein deutscher Orgelbauer in den USA? Friedemann Buschbeck wollte nach 10 Jahren Orgelbau bei den Firmen Jehmlich und Wegscheider in Dresden einfach Neues sehen und erleben, vielleicht auch den früheren DDR-Begrenzungen entrinnen - die Welt sehen. „Es war eine sehr schöne, intensive Zeit bei Jehmlich und Wegscheider", sagt er, „ich habe an wunderbaren Orgeln arbeiten dürfen, an der romantischen Orgel im Dom zu Güstrow, in Greifswald, im Schauspielhaus Berlin. Wir haben, glaube ich, in der DDR durch die ständigen Schwierigkeiten mit fehlenden Materialien und einfachen Maschinen mit größerem Aufwand und mehr Intensität  arbeiten gelernt,  mußten erfinderischer sein. Jetzt kommt mir das zugute."

 

Doch wie kommt man, lediglich mit einer guten Ausbildung in der Tasche, in einem fremden Land in so wenigen Jahren zu eigener Firma, festem Kundenkreis und eigenen Projekten mit kostbaren alten Orgeln? „Ich bin immer gut mit allen Leuten ausgekommen", sagt er, „alle waren gleich von Anfang an sehr zufrieden mit dem, was ich gearbeitet habe, sowohl in den Südstaaten wie damals in Neu England, wo ich manchmal regelrecht verwöhnt worden bin und man mir großzügig mit neuen Kontakten weiterhalf. Aber ich habe natürlich auch viel Glück gehabt." Irgendein guter Stern muß zweifellos bei seinem-Sprung übern Großen Teich geleuchtet haben. Glück gebracht hat ihm aber auch der Ruf seiner Heimatstadt Dresden, und das nicht nur einmal.

Als er 1989, damals 27jährig, die DDR verließ, war die erste Anlaufstelle ein Dresdner Freund in Paris und -in Erinnerung an sein christlich geprägtes Elternhaus - die deutsche  Gemeinde in der Seinestadt. Dort erhielt er einen Job als Küster an der Englise Allemande, eine Bleibe in dem romantischen Viertel zwischen Pigalle und Montmartre und eine so ideale Arbeitszeit, daß er schon im ersten Monat die Gemeinderäume renovierte und mit Tischlerarbeiten Geld verdiente. „Es war wundervoll. Dabei konnte ich noch kein Wort Französisch. Als ich mich in der Sprachschule anmeldete, konnte ich mich kaum verständlich machen."

Aber alles lief gut. Eine deutsche Dame vom Goethe-Institut, mit einem besonderen Faible für Dresden, unterstützte ihn am Anfang. Sogar die Begegnung mit seiner Frau verdankt er seiner Heimatstadt. Die beiden wurden in einer Bar in der Rue Saint Denise einander vorgestellt, und als die amerikanische Kunststudentin das Wort Dresden hörte, bot sich den beiden das erste interessante Thema. „Das war im zweiten Monat in Paris, und seitdem haben wir uns nicht wieder aus den Augen gelassen."

Mademoisell  Elisabeth Fraser hat heute eine Professur für Kunstgeschichte an der University of South Florida in Tampa (Spezialgebiet französische Romantik) und machte bisher sehr oft Gebrauch von der Möglichkeit, die Kunststadt an der Elbe zu besuchen. Ihre Doktorarbeit hat sie übrigens hier, in seinem romantischen Elternhaus in Blasewitz, geschrieben.

Vielleicht kommt man einem Land wie den USA schneller näher, wenn man eine Amerikanerin liebt? „Das hat mir natürlich sehr geholfen. Aber mir gefällt auch, abgesehen von meiner Frau, vieles in den USA, ich genieße es geradezu, dort zu leben, wo ständig neue technische Entdeckungen und Entwicklungen entstehen, und zu beobachten, wie die Amerikaner damit leben, wie schnell das alles umgesetzt wird. Alles läuft viel unkomplizierter ab. Auch meine Geschäftseröffnung, zu der ich in Deutschland sicher Jahre gebraucht hätte, ging total einfach über die Runden. Ich ging in Saratoga Springs aufs Einwohnermeldeamt, um eine Social Security Number zu holen und sagte, ich möchte ein Geschäft aufmachen. Da gaben sie mir eine Versicherungsnummer. Im Gewerbeamt nebenan mußte ich lediglich noch mein Arbeitsgebiet und meinen Titel nennen, und das war's dann."

Die ersten Wege zur Arbeit, zu den amerikanischen Orgelbaufirmen und der Orgelbau-Vereinigung, hat ihm eine texanische Orgelrestauratorin, Susann Tattershall, geebnet, weil sie Kristian Wegscheider schätzte. Das Amulett Dresden hat wirklich einige Male weitergeholfen.

Auch ein passendes Häuschen in Tampa fanden und mieteten die beiden innerhalb weniger Tage. Seine Werkstatt steht jetzt in einem Palmengarten, das Werkzeug aber hat er sich aus Dresden nachkommen lassen, auch seine Möbel. „Ich fühlte mich erst richtig heimisch in Florida, als ich an meinem alten Schreibtisch saß und wieder Schraubenkisten vor mir hatte."

 

„In Dresden wird viel gebaut, aber wirklich Neues entsteht nicht"

 

Die Bindung an sein Dresdner Elternhaus mit seiner musikalischen und kulturellen Tradition ist sehr eng geblieben, die Besuche in beide Richtungen sind zahlreich. Die eine Seite reist, um in der Tampa-Bay zu baden und um Neues zu sehen, die andere hat Sehnsucht nach dem Alten und nach dem Dresdner kulturellen Leben, wobei Friedemann Buschbeck, der etwas in der Welt herumgekommen ist, jedesmal aufs Neue die konservative Linie der städtebaulichen Entwicklung bedauert. „Es wird viel gebaut, aber wirklich Neues entsteht nicht. Ich glaube aber, daß die Dresdner Tradition gerade darin bestand, Mutiges, Spektakuläres zu wagen. Das Stella-Projekt wäre eine schöne Fortsetzung gewesen."

In der neuen Heimat Tampa lebt er gern, nimmt teil am regen geistigen Leben der University, an der seine Frau lehrt, nimmt Sprachkurse und genießt die Möglichkeiten zum Rudern und Segeln. Aus purer Abenteuerlust ist er 1992 mit ein paar Freunden kurzerhand über den Atlantik gesegelt, von Annapolis nach Bordeaux, und geriet dabei ein paarmal in Gefahr, aber die Segelleidenschaft ist geblieben. Wie ein Ruderer und Segler sieht er auch aus, obwohl er ein Mann der leisen Töne und der zarten Orgelklänge ist. Man traut es ihm zu, daß er demnächst seine kostbare alte Orgel sicher über die Highways im fernen Texas chauffieren wird.

Muß ein Orgelbauer zu einem Teil auch Musiker sein, die Orgeln auch spielen können? „Ja, selbstverständlich, ohne Musikleidenschaft und ohne Gehör geht es nicht. Das ganz Besondere an meiner Arbeit ist ja, daß man mit ganz wenig Material, aus drei Sorten Holz, Leder, Messingdraht und dem Metall für die Pfeifen etwas schaffen kann, das sich in Musik verwandelt."

 

Dresdner Neuste Nachrichten     Giesela Buhrig     1. September 1996

 

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